Es gibt am Skattisch wenige Momente, die so viel Streit auslösen wie der knappste aller Stände. Die letzten Karten sind gelegt, jeder rechnet seine Augen zusammen, und dann sagt der Alleinspieler “sechzig” und die Gegenpartei sagt ebenfalls “sechzig”. Beide schauen sich an, und einer von beiden glaubt gewonnen zu haben. Ich habe diese Szene hundertmal erlebt, und die Antwort ist eindeutig, auch wenn sie dem Alleinspieler selten gefällt. Bei 60 zu 60 hat die Gegenpartei gewonnen. In diesem Beitrag erkläre ich, warum das so ist, woher die Grenze von 61 kommt und was einen so knappen Stand im letzten Moment noch kippen kann.
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Warum 61 und nicht 60
Im Skat stecken genau 120 Augen. Das ergibt sich aus den Kartenwerten: jedes Ass 11, jede Zehn 10, jeder König 4, jede Dame 3, jeder Bube 2, und die Sieben, Acht und Neun zählen nichts. Vier Farben zu je 30 Augen macht zusammen 120. Wie ich die Augen sauber zusammenrechne, habe ich in Augen zählen im Skat ausführlich beschrieben.
Der Alleinspieler spielt allein gegen zwei. Damit er gewinnt, muss er mehr als die Hälfte dieser 120 Augen holen, also die Mehrheit. Die Hälfte von 120 ist 60, und 60 ist eben noch nicht die Mehrheit. Erst ab 61 hat er mehr Augen als die beiden Gegner zusammen. Deshalb steht in der Internationalen Skatordnung des Deutschen Skatverbandes die Zahl 61 als Siegschwelle, und nicht 60.
Daraus folgt die wichtigste Asymmetrie des ganzen Spiels: Der Alleinspieler braucht 61, die Gegenpartei braucht nur 60. Die beiden Gegner haben es also ein Auge leichter. Wer allein spielt, zahlt mit dieser einen Zähleinheit gewissermaßen den Preis dafür, dass er Skat aufnehmen und das Spiel bestimmen durfte.
60 zu 60: der Alleinspieler verliert
Jetzt ist der Fall klar. Hat der Alleinspieler am Ende genau 60 Augen, dann hat er die 61 nicht erreicht. Sein Spiel ist verloren, und die Gegenpartei gewinnt mit ihren 60 Augen. Ein “Unentschieden” gibt es im Skat nicht. Die Augen verteilen sich immer auf 120, und wer die Mehrheit nicht hat, hat verloren.
Für den Alleinspieler ist das besonders bitter, weil ein verlorenes Spiel ihm doppelt abgezogen wird. Aus einem einzigen fehlenden Auge wird so ein stattlicher Minusposten auf der Liste. Was das genau bedeutet und wie sich der doppelte Abzug berechnet, steht in Verloren zählt doppelt.
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Wie der Skat und der letzte Stich den Stand kippen
Ein Stand von 60 zu 60 entsteht fast nie sauber während des Spiels, sondern erst beim Zusammenzählen am Schluss. Zwei Dinge entscheiden dabei oft über das letzte, fehlende Auge.
Das erste sind die beiden gedrückten Karten im Skat. Sie gehören dem Alleinspieler und zählen am Ende zu seinen Augen, auch wenn er sie nie ausgespielt hat. Wer vor dem Drücken eine Zehn in den Skat legt, schenkt sich selbst zehn Augen, ohne dafür einen Stich machen zu müssen. Genau diese zwei Karten haben schon manches Spiel von 59 auf 69 gehoben. Warum der Skat mitzählt und wie ich ihn sauber einrechne, erkläre ich in Zählt der Skat mit?.
Das zweite ist der letzte Stich. In ihm liegen oft noch Augen, die niemand mehr auf dem Schirm hat, weil alle nur auf die hohen Karten geachtet haben. Zwei kleine Könige und eine Dame im letzten Stich sind elf Augen, und elf Augen sind an der 60er-Grenze eine ganze Welt. Ich rate deshalb jedem, auch die letzten drei Karten noch mit demselben Ernst zu spielen wie die ersten. Mehr dazu, warum sauberes Mitzählen wichtiger ist als auf gute Karten zu hoffen, steht in Was am Skattisch wirklich gewinnt. Wer am Ende unsicher ist, legt die Stiche offen hin und zählt sie Karte für Karte; die Punkteliste hilft beim Nachrechnen.
Schneider und Schwarz: die höheren Grenzen
Die 61 ist nur die erste Schwelle. Darüber liegen zwei weitere, die den Spielwert erhöhen und die man am Tisch oft ansagt.
Eine Partei ist Schneider, wenn sie 30 Augen oder weniger bekommt. Für den Alleinspieler heißt das: Er spielt die Gegner Schneider, wenn sie zusammen höchstens 30 Augen halten, er selbst also mindestens 90 hat. Umgekehrt ist der Alleinspieler selbst Schneider, wenn er bei 30 oder darunter bleibt. Die Grenze, um dem Schneider zu entgehen, liegt also bei 31 Augen. Wer genau 31 hält, ist gerade eben aus dem Schneider heraus. Alle Gewinnstufen mit Beispielen habe ich in Schneider und Schwarz durchgerechnet.
Schwarz ist die höchste Stufe und hat mit dem Augenzählen gar nichts mehr zu tun. Schwarz ist eine Partei nur dann, wenn sie keinen einzigen Stich bekommt. Ein einziger Stich, und sei es nur mit drei Luschen und null Augen, rettet vor Schwarz. Deshalb spiele ich als Gegenspieler, wenn ohnehin alles verloren ist, immer noch um den einen Stich, der uns das Schwarz erspart.
Beim Nullspiel zählt kein Auge
Bei all dem rede ich vom Farbspiel und vom Grand. Beim Nullspiel ist die Welt völlig anders: Da zählen die Augen überhaupt nicht. Der Alleinspieler gewinnt ein Null nur, wenn er keinen einzigen Stich bekommt, und er verliert, sobald er auch nur einen Stich machen muss. Ein Stand von 60 zu 60 ist beim Null also sinnlos; es geht allein um Stiche. Wie das Nullspiel tickt, habe ich in Das Nullspiel verstehen beschrieben, die festen Werte 23, 35, 46 und 59 stehen in Null, Null Hand, Null Ouvert.
Kontra, Re und der Reizwert ändern den Einsatz, nicht die Grenze
Ein verbreiteter Denkfehler: Manche glauben, ein Kontra oder ein hoher Reizwert verschiebe die Siegschwelle. Das tut es nicht. Die 61 bleibt die 61, ganz gleich, wie hoch gereizt oder ob Kontra und Re gesagt wurde. Was sich ändert, ist allein der Einsatz, also wie viele Punkte das Spiel am Ende auf der Liste wert ist. Kontra und Re verdoppeln den Spielwert, aber die Augengrenze rühren sie nicht an. Mehr dazu in Kontra und Re.
Der Reizwert wiederum verpflichtet den Alleinspieler nur dazu, dass sein Spiel hoch genug ist, nicht dazu, mehr Augen zu holen. Auch wer bis 48 gereizt hat, braucht am Ende trotzdem nur 61 Augen zum Sieg. Reizt er aber höher, als sein Spiel wert ist, hat er sich überreizt und verliert, selbst mit 61 Augen auf der Hand. Das ist ein eigenes Kapitel, das ich in Überreizen beim Skat behandle.
Ein Beispiel vom Tisch
Ich spiele Kreuz, nehme den Skat auf und finde dort die Herz-Zehn, die ich sofort drücke; zehn Augen sicher im Sack. Das Spiel läuft eng, die Gegner stechen zwei meiner Zehnen weg, und am Ende lege ich meine Stiche hin. Mit den beiden gedrückten Karten komme ich auf genau 61. Ein einziges Auge über der Grenze, Spiel gewonnen. Hätte ich statt der Herz-Zehn eine blanke Dame mit drei Augen gedrückt, stünde ich bei 54 und hätte verloren. Dieselben Stiche am Tisch, ein anderer Skat, ein anderes Ergebnis. Genau deshalb drücke ich nie gedankenlos, sondern lege nach Möglichkeit Augen in den Skat, die ich sonst kaum sicher nach Hause brächte.
Meine Faustregel
Der Alleinspieler braucht 61, die Gegenpartei nur 60. Bei 60 zu 60 verliert der Alleinspieler, und ein Unentschieden gibt es nicht. Wer das einmal verinnerlicht hat, zählt in engen Spielen schon während des Spiels mit und weiß an der Grenze genau, ob er noch ein Auge jagen muss oder schon drüber ist. Mein Satz am Tisch lautet: an der 60 hört der Gegner auf zu zittern, der Alleinspieler erst an der 61. Wer seinen Spielwert vorher sauber einschätzen will, rechnet ihn mit dem Spielwert-Rechner nach und prüft beim Reizen mit dem Reizwert-Rechner, wie weit er überhaupt gehen darf.