Wenn ich ein frisches Altenburger Blatt aus der Schachtel nehme und die Karten fächere, denke ich manchmal daran, dass hier fast zweihundert Jahre Geschichte in der Hand liegen. Skat ist nicht am Reißbrett entstanden, sondern langsam gewachsen, aus älteren Spielen, aus Streit über Regeln und aus dem Ehrgeiz von Menschen, die es genauer wissen wollten. Für mich gehört dieses Wissen zum Spiel dazu, denn es erklärt, warum wir heute reizen, warum zwei Karten in den Skat wandern und warum ausgerechnet eine kleine Stadt in Thüringen als Hauptstadt des Spiels gilt. In diesem Artikel nehme ich dich mit auf diese Reise, von den Anfängen bis zu den Regeln, die wir heute selbstverständlich benutzen.
Die Wurzeln im frühen 19. Jahrhundert
Skat entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Altenburg, einer Residenzstadt im Osten Thüringens. Man kann kein einzelnes Datum nennen, denn das Spiel wurde nicht erfunden, sondern über Jahre zusammengesetzt. Ein Kreis spielfreudiger Altenburger, den man oft mit der sogenannten Brommeschen Tarok-Gesellschaft in Verbindung bringt, mischte in dieser Zeit die besten Zutaten mehrerer damals verbreiteter Kartenspiele zu etwas Neuem.
Dass ausgerechnet Altenburg zur Wiege des Spiels wurde, hat gute Gründe. Als Residenzstadt hatte der Ort ein gebildetes, geselliges Bürgertum aus Beamten, Kaufleuten und Gelehrten, das Zeit und Freude am Kartenspiel mitbrachte. In solchen Runden wurde experimentiert, verworfen und verfeinert, bis sich nach und nach ein eigenständiges Spiel herausschälte.
Drei Vorläufer sind dabei besonders wichtig. Aus dem Wendischen Schafkopf, genauer der Variante Dreiwendsch, kam das Grundgerüst des Stichspiels zu dritt mit festen Trümpfen. Aus dem spanischstämmigen l’Hombre und dem Deutschen Solo stammt der Gedanke, dass die Spieler vor Beginn um das Spiel bieten, also das Reizen. Und aus dem Tarock übernahm man die Idee, zwei Karten verdeckt beiseitezulegen. Genau diese beiden Karten gaben dem Spiel seinen Namen.
Woher der Name Skat kommt
Das Wort Skat führt uns nach Italien. Es geht auf das italienische “scarto” beziehungsweise das Verb “scartare” zurück, was so viel bedeutet wie weglegen oder aussortieren. Gemeint sind die zwei Karten, die beim Geben verdeckt auf den Tisch kommen und die der Alleinspieler später aufnehmen und gegen zwei andere tauschen darf. Dieser kleine Stapel heißt bis heute der Skat, und das Drücken der zwei Karten ist eine der wichtigsten Entscheidungen jeder Runde. Wie ich beim Drücken vorgehe, habe ich unter Skat drücken beschrieben. Sprachlich ist der Name also ein direkter Fingerzeig auf das, was das Spiel von seinen Vorläufern unterscheidet.
Vom Regelwirrwarr zur ersten Ordnung
In den ersten Jahrzehnten wurde Skat vor allem mündlich weitergegeben, und entsprechend bunt sah die Regellandschaft aus. Fast jede Region, oft sogar jeder Stammtisch, spielte seine eigene Fassung. Das erste gedruckte Regelwerk verdanken wir Johann Friedrich Ludwig Hempel, einem Altenburger Gymnasiallehrer, der 1848 sein Büchlein “Das Scatspiel: Nebst zwei Liedern” herausbrachte. In den 1880er Jahren folgten weitere einflussreiche Werke, darunter 1884 das Illustrierte Scatbuch des Freiherrn von Hirschfeld.
Trotzdem blieben die Unterschiede groß, und das wurde zunehmend zum Problem, je weiter sich das Spiel verbreitete. Studenten, Soldaten und die neue Eisenbahn trugen Skat im Lauf des Jahrhunderts in alle deutschen Regionen. Wer auf Reisen mitspielen wollte, stieß ständig auf fremde Hausregeln. Der Ruf nach einer einheitlichen Ordnung wurde lauter.
Der erste Skatkongress von 1886
Den entscheidenden Schritt brachte das Jahr 1886. Anlässlich einer großen Ausstellung fand in Altenburg ein Skatturnier statt, aus dem am 7. August 1886 der erste Deutsche Skatkongress hervorging. Rund tausend Spieler berieten dort über eine gemeinsame Grundlage und beschlossen die Allgemeine Deutsche Skatordnung. Zwei Jahre später, 1888, erschien dieses Regelwerk in Buchform, herausgegeben von Theodor Thomas aus Leipzig. Damit hatte Skat zum ersten Mal eine überregional anerkannte Spielordnung.
Die Vereinsbewegung wuchs schnell weiter. Am 12. März 1899 wurde beim Dritten Skatkongress in Halle an der Saale der Deutsche Skatverband gegründet, der bis heute die Regeln pflegt und den Wettkampfbetrieb organisiert. Aus den einzelnen Stammtischen war eine organisierte Skatgemeinschaft geworden.
Skat über Deutschland hinaus
Mit den großen Auswanderungswellen des 19. Jahrhunderts reiste Skat auch über den Atlantik. Deutsche Auswanderer nahmen ihr Lieblingsspiel mit nach Nordamerika, wo es in Vereinen und deutschsprachigen Gemeinden weiterlebte. Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen dort sogar englischsprachige Regelbücher mit Titeln wie “How to play skat” oder “Skat, the German game of cards”, die das Spiel einem neuen Publikum erklärten. Bis heute gibt es außerhalb Deutschlands aktive Skatgemeinschaften, und der internationale Wettkampfbetrieb bringt Spielerinnen und Spieler aus mehreren Ländern an einen Tisch. Das kleine Altenburger Gewächs war endgültig ein Spiel mit weltweiter Anhängerschaft geworden.
Wie das moderne Reizen entstand
Ein Detail, das viele überrascht: Das Zahlenreizen, wie wir es heute kennen, hat sich erst im 20. Jahrhundert durchgesetzt. Lange reizte man nach anderen Systemen, bei denen die Farben eine feste Rangordnung hatten und den Ausschlag gaben. Erst 1927 setzte sich das Reizen mit Zahlen allgemein durch, und 1928 wurde es in der Neuen Deutschen Skatordnung festgeschrieben. Seither nennen wir Werte wie 18, 20, 22 und steigern uns nach oben, statt Farben gegeneinander auszuspielen. Wer verstehen will, wie diese Zahlen zustande kommen, findet die Erklärung unter Skat reizen und kann die Werte im Reizwert-Rechner direkt nachvollziehen. Die heutige Fassung des Regelwerks, die Internationale Skatordnung, steht in dieser langen Traditionslinie und wird bis heute behutsam weiterentwickelt.
Altenburg, die Skatstadt
Bei allem, was sich änderte, blieb ein Ort im Mittelpunkt: Altenburg. Die Stadt versteht sich bis heute als Skatstadt, und das ist mehr als ein Werbespruch. Hier stehen die traditionsreiche Spielkartenfabrik und ein Spielkartenmuseum, und mitten in der Stadt, am Brühl, sprudelt seit 1903 der Skatbrunnen. Auf seiner Säule streiten vier Unter, die Wenzel der deutschen Farben, um die Vorherrschaft, und der Eichel-Unter behält der Rangordnung entsprechend die Oberhand. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Metall des Brunnens eingeschmolzen; 1955 stellte man ihn wieder auf. Einer schönen Überlieferung nach bringt es Glück, ein neues Blatt vor der ersten Partie am Brunnenwasser zu taufen.
Altenburg pflegt seine Rolle auch mit einer augenzwinkernden Institution: dem Skatgericht, das seit dem 1. Dezember 2001 über strittige Fälle am Kartentisch entscheidet. Wer sich am heimischen Tisch nicht einig wird, kann seinen Fall dorthin tragen. Ganz ernst gemeint ist das nicht immer, aber es zeigt, wie tief das Spiel mit dieser Stadt verwachsen ist.
Warum die Geschichte bis heute nachwirkt
Mich fasziniert, wie viel von dieser Geschichte in jeder einzelnen Runde steckt. Die zwei Karten im Skat erinnern an das Tarock, das Reizen an das alte l’Hombre, das Stichspiel an den Schafkopf, und die klaren Werte verdanken wir den Kongressen des 19. und 20. Jahrhunderts. Wenn wir heute nach der Internationalen Skatordnung spielen, greifen wir auf die Arbeit tausender Spieler zurück, die aus einem regionalen Kneipenspiel ein durchdachtes, faires Regelwerk gemacht haben.
Genau das macht Skat für mich so haltbar. Es ist alt genug, um Tradition zu tragen, und klar genug, um jeden Abend neu spannend zu sein. Wer die Regeln von heute lernen möchte, findet den Einstieg unter Skat-Regeln für Anfänger, und wer die vielen alten und neuen Ausdrücke am Tisch nachschlagen will, wird im Skat-Glossar fündig. Die Geschichte kennt man dann obendrein, und beim nächsten frischen Blatt spürt man vielleicht auch die zweihundert Jahre, die darin stecken.