Das Reizen ist für viele Skat-Anfänger die größte Hürde. Karten spielen, Stiche machen, Punkte zählen, das alles lernt sich schnell. Aber dann sitzt du am Tisch, jemand sagt “18”, ein anderer antwortet “Ja”, und plötzlich fliegen Zahlen wie 22, 27 und 33 durch den Raum, ohne dass du weißt, was sie bedeuten. Die gute Nachricht: Das Reizen folgt festen, logischen Regeln, und wenn du sie einmal verstanden hast, verlierst du die Scheu davor sehr schnell. In diesem Artikel gehen wir das Reizen Schritt für Schritt durch: warum überhaupt gereizt wird, wer wen reizt, woher die Zahlen kommen und wie du als Anfänger einschätzt, wie hoch du gehen darfst. Falls dir die absoluten Grundlagen noch fehlen, lies vorher am besten die Skat-Regeln für Anfänger.
Warum wird überhaupt gereizt?
Beim Skat spielt in jeder Runde einer gegen zwei: der Alleinspieler gegen die beiden anderen. Bevor die eigentliche Runde beginnen kann, muss also geklärt werden, wer dieser Alleinspieler wird. Genau dafür gibt es das Reizen.
Das Reizen ist eine Art Versteigerung. Wer glaubt, mit seinem Blatt ein Spiel gewinnen zu können, bietet dafür. Geboten wird aber nicht mit Geld, sondern mit Zahlen, den sogenannten Reizwerten. Wer bereit ist, den höchsten Wert zu bieten, bekommt das Spiel und wird Alleinspieler. Die anderen beiden spielen als Gegenpartei zusammen.
Der gebotene Wert ist dabei kein leeres Versprechen. Er verpflichtet dich: Dein Spiel muss am Ende mindestens so viel wert sein, wie du gereizt hast. Dazu später mehr, denn genau hier lauert die größte Falle für Anfänger.
Die drei Positionen am Tisch
Bevor wir den Ablauf anschauen, brauchst du drei Begriffe. Die drei Spieler haben in jeder Runde feste Positionen, die sich nach dem Geber richten:
- Vorhand: der Spieler links vom Geber
- Mittelhand: der nächste Spieler im Uhrzeigersinn
- Hinterhand: der dritte Spieler
Diese Positionen wandern mit jedem neuen Spiel weiter, weil auch das Geben reihum geht. Für das Reizen sind sie entscheidend, denn sie legen fest, wer wen reizt und wer den bequemeren Part hat.
Der Ablauf: Wer reizt wen?
Das Reizen läuft in zwei Phasen ab, und zwar immer nach demselben Muster.
Phase 1: Mittelhand reizt Vorhand. Die Mittelhand beginnt und nennt einen Reizwert, zum Beispiel “18”. Die Vorhand hat nun zwei Möglichkeiten: Sie kann “halten”, also “Ja” sagen, wenn sie bei diesem Wert noch mitgehen will. Oder sie passt, wenn ihr Blatt das nicht hergibt. Hält die Vorhand, muss die Mittelhand den nächsthöheren Wert nennen, wenn sie weitermachen will, also “20”. Die Vorhand hält wieder oder passt. Das geht so lange hin und her, bis einer von beiden aussteigt.
Phase 2: Hinterhand reizt den Übriggebliebenen. Wer von den beiden ersten übrig geblieben ist, wird nun von der Hinterhand nach demselben Prinzip weitergereizt. Die Hinterhand muss dabei über dem Wert einsteigen, bei dem die erste Phase geendet hat. Der Übriggebliebene aus Phase 1 hält oder passt. Wer am Ende als Letzter übrig bleibt, wird Alleinspieler.
Ein wichtiges Detail steckt in der Rollenverteilung: Die Vorhand ist die höhere Position. Sie muss selbst nie einen neuen Wert nennen, sondern nur gleichziehen. Sagt die Mittelhand “20”, reicht von der Vorhand ein “Ja”, und schon steht es 20 zu 20, mit Vorteil für die Vorhand. Der reizende jüngere Spieler muss dagegen jedes Mal höher gehen, um im Rennen zu bleiben. Das bedeutet: Bei gleichem Limit gewinnt immer die Vorhand das Reizduell. Wenn du als Vorhand sitzt und dein Blatt bis 24 trägt, kannst du jedes “24” der Mittelhand einfach halten, und sie müsste schon 27 bieten, um dich zu überbieten.
Falls übrigens alle drei passen, ohne dass jemand auch nur 18 sagt, kommt kein Spiel zustande. Wie in dem Fall verfahren wird, hängt von den Vereinbarungen am Tisch ab.
Woher kommen die Reizwerte?
Die Zahlen beim Reizen sind nicht willkürlich. Jeder Reizwert ist ein möglicher Spielwert, also der Wert, den ein Skatspiel am Ende der Runde haben kann. Der Spielwert berechnet sich nach einer einfachen Formel:
Grundwert × Spielstufe = Spielwert
Der Grundwert hängt von der Spielart ab:
| Spielart | Grundwert |
|---|---|
| Karo | 9 |
| Herz | 10 |
| Pik | 11 |
| Kreuz | 12 |
| Grand | 24 |
Die Spielstufe ergibt sich aus den sogenannten Spitzen (dazu gleich mehr), plus 1 für das Spiel selbst, plus eventuellen Zuschlägen wie Hand oder Schneider. Ein Herz-Spiel “mit 2” hat zum Beispiel die Spielstufe 3 (2 Spitzen plus 1 für das Spiel) und damit den Spielwert 10 × 3 = 30.
Die ausführliche Rechnung mit allen Stufen und Zuschlägen findest du im Artikel Spielwert berechnen. Für das Reizen reicht dir erst einmal das Prinzip: Jeder Reizwert ist ein Produkt aus einem Grundwert und einem Faktor.
Die Reihenfolge der Reizwerte
Weil nur solche Zahlen gültig sind, die als Grundwert mal Faktor tatsächlich vorkommen können, entsteht eine feste, aufsteigende Reihe von Reizwerten. Die niedrigsten lauten:
18, 20, 22, 23, 24, 27, 30, 33, 35, 36, 40, 44, 45, 46, 48, 50, 54, 55, 59, 60, …
Du siehst: Die Abstände sind unregelmäßig. Nach 24 kommt nicht 25, sondern 27, denn 25 und 26 lassen sich aus keinem Grundwert bilden. Die 23 und die 46 fallen aus dem Muster, das sind die Werte der Null-Spiele, die eigene feste Spielwerte haben.
Beim Reizen darfst du Werte auch überspringen. Statt mit “18” kannst du direkt mit “22” oder “27” einsteigen, wenn du willst. Anfänger reizen aber am besten brav die Reihe entlang, das ist übersichtlicher und verrät den Gegnern weniger über das eigene Blatt.
Warum ist 18 der kleinste Reizwert?
Die 18 ergibt sich direkt aus der Formel. Der kleinste mögliche Faktor ist 2: eine Spitze plus 1 für das Spiel. Weniger geht nicht, denn mindestens “mit 1” oder “ohne 1” ist jedes Blatt, und das Spiel selbst zählt immer dazu. Der kleinste Grundwert ist die 9 vom Karo. Also: 9 × 2 = 18. Ein billigeres Spiel gibt es im Skat nicht, deshalb beginnt jede Reizrunde frühestens bei 18. Daher stammt auch der klassische Spruch “Achtzehn?” als Eröffnung.
Wie hoch darfst du reizen? Spitzen zählen
Jetzt zur praktischen Frage: Woher weißt du, bis zu welchem Wert dein Blatt trägt? Die Antwort: Du berechnest vor dem Reizen grob deinen voraussichtlichen Spielwert. Dafür brauchst du zwei Dinge, deine Spitzen und deine geplante Spielart.
Spitzen zählen. Die Spitzen beziehen sich auf die höchsten Trümpfe, beginnend beim Kreuz-Buben. Es gibt zwei Fälle:
- “Mit N”: Du hältst den Kreuz-Buben und darunter die N höchsten Trümpfe lückenlos in Folge. Hast du Kreuz-Bube und Pik-Bube, aber nicht den Herz-Buben, spielst du “mit 2”.
- “Ohne N”: Dir fehlen die obersten N Trümpfe ab dem Kreuz-Buben, sie liegen bei den Gegnern. Fehlen dir Kreuz-Bube und Pik-Bube, während du den Herz-Buben hältst, spielst du “ohne 2”.
Das Überraschende für viele Anfänger: Für den Faktor ist es egal, ob du “mit” oder “ohne” spielst. In beiden Fällen ist der Faktor N, plus 1 für das Spiel. “Mit 2” und “ohne 2” ergeben beide die Spielstufe 3.
Spielart wählen. Überlege dir, welche Farbe du als Trumpf spielen willst (oder ob dein Blatt einen Grand hergibt), und nimm den passenden Grundwert. Dann rechnest du: Grundwert mal Spielstufe. Planst du ein Pik-Spiel “mit 1”, rechnest du 11 × 2 = 22. Bis 22 darfst du also mitgehen, keinen Schritt weiter. Zuschläge wie Hand erhöhen die Stufe und damit dein Limit, aber als Anfänger fährst du gut damit, erst einmal konservativ ohne Zuschläge zu rechnen.
Diese kleine Rechnung machst du im Kopf, bevor das Reizen beginnt. Dann weißt du dein persönliches Limit und kannst entspannt halten oder bieten, bis es erreicht ist. Wer die Werte nachschlagen will, findet sie im Reizwert-Rechner und in der kompletten Reizwerte-Tabelle.
Die große Gefahr: Überreizen
Und damit zur wichtigsten Warnung dieses Artikels. Dein gebotener Reizwert ist bindend. Ist dein tatsächlicher Spielwert am Ende niedriger als das, was du gereizt hast, hast du dich überreizt und verlierst das Spiel automatisch. Es spielt dabei keine Rolle, wie gut deine Stiche waren. Du kannst jeden einzelnen Stich machen und trotzdem verlieren.
Wie passiert so etwas? Der klassische Fall geht über den Skat. Ein Beispiel: Du hältst den Herz-Buben, aber weder Kreuz- noch Pik-Bube. Du planst ein Kreuz-Spiel “ohne 2”, Spielstufe 3, Spielwert 12 × 3 = 36. Also reizt du munter bis 36 mit und bekommst das Spiel. Dann nimmst du den Skat auf, und darin liegt ausgerechnet der Kreuz-Bube. Der Skat gehört zu deinem Blatt, also spielst du jetzt nicht mehr “ohne 2”, sondern “mit 1”. Deine Spielstufe ist nur noch 2, dein Spielwert 12 × 2 = 24. Gereizt hast du aber 36. Dein Spiel ist damit überreizt und verloren, bevor die erste Karte gespielt wurde. Eine Karte, über die du dich eigentlich freuen würdest, ruiniert dir das Spiel.
Die Lehre daraus: Bei “ohne”-Blättern immer vorsichtig reizen, denn der Skat kann deine Spitzenzahl nach unten drücken. Bei “mit”-Blättern kann dir das nicht passieren, dort kann der Skat deine Spitzen höchstens verlängern.
Ein Beispiel: eine kurze Reizrunde
Zum Schluss spielen wir eine Reizrunde einmal komplett durch. Am Tisch sitzen Anna (Vorhand), Ben (Mittelhand) und Clara (Hinterhand).
Alle drei schauen ihr Blatt an und rechnen still ihr Limit aus. Anna hält Kreuz-Bube und Pik-Bube und plant ein Herz-Spiel: “mit 2”, Stufe 3, also 10 × 3 = 30. Ben plant ein Karo-Spiel “mit 1”: 9 × 2 = 18. Clara hat ein Pik-Blatt “ohne 1”: 11 × 2 = 22.
Das Reizen beginnt, Ben reizt Anna:
- Ben: “18”
- Anna: “Ja” (ihr Limit ist 30, sie hält locker)
- Ben: “Passe” (sein Limit von 18 ist erreicht, höher darf er nicht)
Anna hat die erste Phase überstanden. Jetzt übernimmt Clara und muss über 18 hinaus:
- Clara: “20”
- Anna: “Ja”
- Clara: “22”
- Anna: “Ja”
- Clara: “Passe” (ihr Limit von 22 ist erreicht, und Anna hält ja bereits)
Anna bleibt als Letzte übrig und wird Alleinspielerin. Sie hat 22 gehalten, ihr Spiel muss also am Ende mindestens 22 wert sein. Mit ihrem geplanten Herz-Spiel im Wert von 30 hat sie Luft nach oben, alles in Ordnung. Sie nimmt den Skat auf, sagt ihr Spiel an, und die Runde beginnt.
Beachte, wie Annas Positionsvorteil gewirkt hat: Sie hat kein einziges Mal selbst eine Zahl genannt. Sie hat nur “Ja” gesagt und trotzdem das Spiel bekommen.
Übung macht den Reizmeister
Das Reizen wirkt am Anfang wie eine Geheimsprache, ist aber nur angewandtes Kopfrechnen mit festen Regeln. Merke dir die Kernpunkte: Mittelhand reizt Vorhand, dann reizt Hinterhand den Übriggebliebenen. Die Vorhand hält, die anderen müssen steigern. Dein Limit ergibt sich aus Spitzen, Spielart und Zuschlägen, und dieses Limit überschreitest du niemals, sonst droht das Überreizen. Rechne vor jeder Runde dein Blatt durch, reize ein paar Abende bewusst vorsichtig, und du wirst merken, wie schnell die Zahlenreihe 18, 20, 22 in Fleisch und Blut übergeht. Wenn du tiefer in die Rechnung einsteigen willst, findest du alle Details unter Spielwert berechnen, und die übrigen Grundlagen stehen in den Skat-Regeln für Anfänger.