Es gibt am Skattisch einen Vorwurf, der schneller fällt als jeder andere: “Du hast doch gemauert!” Gemeint ist damit, dass jemand sein Blatt absichtlich kleiner geredet hat, als es war, und dafür nicht gereizt hat, obwohl er gekonnt hätte. Ich habe das Wort in vierzig Jahren unzählige Male gehört, mal zu Recht, mal als billige Ausrede des Verlierers. In diesem Beitrag will ich sauber auseinanderhalten, was Mauern wirklich ist, warum es einen schlechten Ruf hat, was offiziell dazu gesagt wird, und wo die Grenze zwischen übler Mauerei und ganz normaler Vorsicht verläuft. Denn diese Grenze ist schmaler, als der schnelle Vorwurf glauben macht.

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Was Mauern bedeutet

Mauern heißt, weniger zu reizen, als das eigene Blatt erkennbar hergibt. Der Grundgedanke des Reizens ist ja, dass jeder so hoch geht, wie seine Karten es erlauben. Wer ein Spiel bis 24 tragen könnte, aber schon bei 18 passt, hält bewusst zurück. Oft steckt dahinter die Absicht, sich selbst aus der Verantwortung zu stehlen und einen Mitspieler zu einem Spiel zu drängen, das dieser wahrscheinlich verliert.

Ein typisches Bild: Du sitzt in der Mittelhand mit einem ordentlichen, aber nicht berauschenden Blatt. Eigentlich könntest du ein kleines Farbspiel wagen. Du ahnst aber, dass die Hinterhand ein noch stärkeres Blatt hat und ohnehin übernehmen wird. Also passt du früh, sagst kein Wort mehr und lässt die anderen beiden das Reizduell austragen. Wenn die Hinterhand dann ihr Spiel verliert, hast du dir die Hände sauber gehalten und trotzdem deinen Vorteil kassiert. Das ist Mauern in Reinform.

Manchmal wird unter Mauern auch verstanden, den anderen ein schlechteres Blatt vorzuspielen, als man hat, etwa durch betont zögerliches Reizen oder eine gespielte Enttäuschung beim Skataufnehmen. Der Kern bleibt derselbe: Man verschweigt die eigene Stärke, um daraus einen Vorteil zu ziehen.

Warum Mauern einen schlechten Ruf hat

Mauern gilt unter Skatspielern als unsportlich, und ich verstehe gut, warum. Es ist gewissermaßen das Spiegelbild des Überreizens. Beim Überreizen bewertet jemand seine Karten zu hoch und fällt damit auf die Nase. Beim Mauern bewertet er sie absichtlich zu niedrig und schiebt das Risiko auf einen anderen. Beide verstoßen gegen denselben stillen Grundsatz des Spiels: Reize nach dem, was du in der Hand hast, nicht nach dem, was dir gerade in den Kram passt.

Der eigentliche Ärger entsteht, weil Mauern das Spiel für alle schlechter macht. Skat lebt davon, dass der mit dem besten Blatt auch spielt. Wer systematisch kneift, zwingt schwächere Blätter ans Ruder und freut sich an fremden Niederlagen, statt eigene Siege zu holen. Am Stammtisch vergiftet das auf Dauer die Stimmung. Ich habe Runden erlebt, in denen ein notorischer Mauerer nach ein paar Abenden schlicht nicht mehr eingeladen wurde.

Entscheidend ist dabei der Vorsatz. Wer aus Berechnung nicht reizt, nur um einem anderen ein Spiel umzuhängen, der mauert. Wer dagegen ehrlich unsicher ist, ob sein Blatt trägt, und deshalb vorsichtig bleibt, tut nichts Verbotenes. Genau diese Unterscheidung macht die Sache knifflig, und deshalb sollte man mit dem Vorwurf auch sparsam umgehen.

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Was Regelwerk und Turnierskat dazu sagen

Jetzt der Punkt, den viele falsch erinnern: Mauern ist in der Internationalen Skatordnung nicht ausdrücklich verboten. Es gibt keinen Paragraphen, der dir vorschreibt, bis an dein rechnerisches Limit zu reizen. Unsportliches Verhalten lässt sich eben schwer in eine feste Regel gießen, denn niemand kann dir in den Kopf schauen und beweisen, dass du absichtlich zu niedrig geblieben bist. Insofern ist Mauern eine Frage des Anstands, nicht des Paragraphen.

Trotzdem hat das Spiel eine elegante Antwort darauf gefunden, und die steckt im Turnierskat. Das Seeger-Fabian-System, nach dem in Vereinen und auf Turnieren gewertet wird, belohnt jedes gewonnene Spiel mit einem festen Bonus von 50 Punkten. Wer nie ein Spiel annimmt, sammelt auch keine Boni und fällt in der Wertung zurück. Mauern wird dort also gar nicht erst bestraft, es lohnt sich einfach nicht mehr. Wer im Turnier vorne landen will, muss aktiv spielen, auch kleine, sichere Spiele. Das finde ich die klügste Lösung überhaupt: Man verbietet das Mauern nicht, man nimmt ihm einfach den Sinn.

Am Stammtisch fehlt dieser eingebaute Mechanismus. Deshalb behelfen sich viele Runden mit Hausregeln. Verbreitet ist etwa die Abmachung, dass nur Kontra geben darf, wer selbst mitgereizt hat. Wer früh gepasst und gemauert hat, darf sich dann hinterher nicht auch noch über ein Kontra am Gewinn des Gegenspiels beteiligen. Solche Regeln sind Tischvereinbarungen, keine amtlichen Vorschriften, aber sie nehmen dem reinen Kneifen einen Teil des Reizes.

Wann Zurückhaltung trotzdem richtig ist

So weit der schlechte Ruf. Jetzt die andere Seite, die am Tisch gern vergessen wird: Nicht jedes Passen ist Mauern. Vorsichtiges Reizen gehört zum guten Spiel dazu, und es gibt handfeste Situationen, in denen ich selbst bewusst zurückhaltend bin, ohne ein schlechtes Gewissen.

  • Ein wirklich grenzwertiges Blatt. Wenn ich nicht sicher abschätzen kann, ob mein Spiel den gereizten Wert trägt, reize ich lieber einen Tick zu niedrig als einen zu hoch. Ein nicht gespieltes Spiel kostet nichts, ein überreiztes kostet den ganzen Abend.
  • Die schlechtere Position. In der Hinterhand sehe ich, wie sich Vorhand und Mittelhand schon hochgereizt haben. Ist absehbar, dass mein Blatt gegen deren Stärke nicht ankommt, steige ich gar nicht erst ein. Das ist nüchterne Einschätzung, kein Trick.
  • Ein Vorsprung im Bierlachs. Wenn ich bei der Kneipenwertung komfortabel vorn liege, muss ich kein riskantes Spiel erzwingen. Hier schütze ich einen Vorsprung, statt einem anderen zu schaden, und das halte ich für legitim.

Der Unterschied liegt, wie so oft, in der Absicht und im Maß. Wer an einem von zehn Abenden mal ein knappes Blatt weglässt, spielt einfach solide. Wer Abend für Abend ein tragfähiges Spiel nach dem anderen verschenkt, nur damit die anderen fallen, der mauert. Mein eigener Maßstab ist einfach: Reize ich gerade nach meinem Blatt oder gegen einen bestimmten Mitspieler? Solange die Antwort “nach meinem Blatt” lautet, ist alles in Ordnung.

Mein Rat aus vielen Runden

Ich halte es so: Ich reize, was mein Blatt hergibt, und lasse Spiele nur dann aus, wenn ich ehrlich unsicher bin oder die Position klar gegen mich spricht. Gegen einen Mauerer in der Runde hilft weniger der laute Vorwurf als die richtige Abmachung. Spielt ihr nach Seeger-Fabian, erledigt sich das Problem von selbst. Spielt ihr Freizeitskat, dann vereinbart vorab, wie ihr mit Kontra und mitgereizten Spielern umgeht, und redet offen darüber, dass Mauern bei euch nicht gern gesehen ist. Das wirkt Wunder, denn die meisten Mauerer hören auf, sobald der Vorteil wegfällt.

Kurz zusammengefasst

  • Mauern heißt, ein Blatt absichtlich niedriger zu reizen, als es hergibt, meist um einem anderen ein verlorenes Spiel zuzuschieben.
  • Es gilt als unsportlich und ist das Gegenstück zum Überreizen, verboten ist es in der Skatordnung aber nicht ausdrücklich.
  • Das Turnierskat entschärft es elegant: Der 50-Punkte-Bonus für jedes gewonnene Spiel macht Mauern sinnlos.
  • Am Stammtisch helfen Hausregeln, etwa dass nur Kontra geben darf, wer mitgereizt hat.
  • Vorsichtiges Reizen bei grenzwertigem Blatt, schlechter Position oder einem Vorsprung im Bierlachs ist kein Mauern, sondern gutes Spiel. Es kommt auf Absicht und Maß an.

Wer sein Reizen insgesamt sicherer machen will, findet die Feinheiten unter Reizen für Fortgeschrittene, und sein persönliches Limit rechnet man am schnellsten mit dem Reizwert-Rechner nach. Dann reizt du nach deinem Blatt, nicht nach der Angst, und der Vorwurf des Mauerns trifft dich nie zu Recht.

Titelbild: „Skat Players" von Thomas Kirchner, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons.