Kaum ein Begriffspaar sorgt am Skattisch für so viel Verwirrung wie Reizwert und Spielwert. Oft meinen beide dasselbe, manchmal meinen sie etwas ganz Verschiedenes, und genau in dieser Lücke verlieren Anfänger ihre ersten Spiele, obwohl sie genug Augen gemacht haben. Ich erkläre dir hier den Unterschied so, wie ich ihn selbst am Tisch denke: zuerst die zwei Zahlen getrennt, dann an einem durchgerechneten Blatt, und am Schluss die eine Situation, in der die Verwechslung richtig teuer wird.
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Zwei Zahlen aus derselben Rechnung
Beide Werte kommen aus genau einer Formel. Bei Farbspiel und Grand gilt:
(Spitzen + Gewinnstufe) × Grundwert = Spielwert
Die Grundwerte stehen in der Internationalen Skatordnung fest: Karo 9, Herz 10, Pik 11, Kreuz 12, der Grand 24. Die Spitzen sind die Buben in lückenloser Folge vom Kreuz-Buben abwärts; hast du den Kreuz-Buben, spielst du “mit”, fehlt er dir, spielst du “ohne”. Die Gewinnstufe beginnt bei 1 für das reine Spiel und steigt um je eins für Hand, für Schneider, für angesagten Schneider, für Schwarz, für angesagtes Schwarz und für Ouvert.
Dieselbe Rechnung trägt also zwei Hüte. Beim Reizen nennst du ihr Ergebnis den Reizwert: die Zahl, bis zu der du guten Gewissens bieten darfst. Nach dem Spiel heißt dasselbe Ergebnis Spielwert: die Zahl, die du gewinnst oder verlierst. Der Reizwert ist die Vorschau, der Spielwert die Abrechnung.
Reizwert: die Obergrenze fürs Bieten
Vor dem Spiel kennst du deine Karten, aber nicht den Skat und nicht die Verteilung bei den Gegnern. Trotzdem musst du beim Reizen eine Zahl ansteuern. Diese Zahl rechnest du aus deinen sicheren Spitzen und der Spielart, die du spielen willst.
Ein Beispiel: Du hältst Kreuz-Bube und Pik-Bube, der Herz-Bube fehlt dir. Damit spielst du “mit zwei Spitzen”. Planst du ein Pik-Farbspiel (Grundwert 11), ergibt das für ein schlichtes gewonnenes Spiel (2 + 1) × 11 = 33. Bis 33 darfst du also reizen, ohne dich zu übernehmen. Traust du dir Schneider zu, steigt die Gewinnstufe, und du darfst höher gehen: (2 + 2) × 11 = 44.
Wichtig ist, was der Reizwert nicht ist. Er ist keine Punktzahl, die du am Ende “erreichen” musst, und er hat nichts mit den 61 Augen zu tun, die du für den Stichsieg brauchst. Er ist allein die Zusage, dass dein Spiel am Ende mindestens so viel wert sein wird wie dein höchstes Gebot. Wie du den Reizwert für jede Kombination abliest, zeigt der Reizwert-Rechner und die Skat-Reiztabelle.
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Spielwert: die Abrechnung nach dem letzten Stich
Nach dem Spiel rechnest du dieselbe Formel noch einmal, jetzt aber mit den Tatsachen. Jetzt steht fest, mit wie vielen Spitzen du wirklich gespielt hast (durch den Skat können aus zwei plötzlich drei geworden sein) und ob du Schneider oder Schwarz tatsächlich geschafft hast. Das Ergebnis ist der Spielwert, und der wandert auf die Liste.
Bleiben wir beim Pik mit zwei Spitzen. Du gewinnst mit 72 Augen, ganz normal, kein Schneider: Spielwert (2 + 1) × 11 = 33, plus auf dein Konto. Hättest du die Gegner unter 30 Augen gehalten, wäre Schneider dazugekommen: (2 + 2) × 11 = 44. Den fertigen Spielwert für jedes Blatt bekommst du im Spielwert-Rechner, die laufende Punkteführung erklärt die Punkteliste.
Warum beide Zahlen meistens gleich sind
Wenn dir nach dem Spiel auffällt, dass Reizwert und Spielwert dieselbe Zahl sind, ist das kein Zufall, sondern der Normalfall. Hast du genau so gespielt, wie du beim Reizen geplant hast, und ist im Skat nichts Überraschendes passiert, dann rechnest du zweimal dasselbe aus und bekommst zweimal dasselbe heraus. Deshalb reden erfahrene Spieler oft einfach vom “Wert” des Spiels und meinen damit beide.
Auseinander laufen die beiden Zahlen in zwei Richtungen. Nach oben, wenn dein Spiel mehr wird, als du beim Reizen angesetzt hast: Der Skat bringt dir den dritten Buben, oder die Gegner geraten in Schneider, den du gar nicht eingeplant hattest. Dann ist der Spielwert höher als der Reizwert, und das ist die angenehme Seite; du gewinnst mehr, als du versprochen hast. Nach unten wird es unangenehm, und darum geht es im nächsten Abschnitt.
Verreizt: wenn der Spielwert unter dem Gebot bleibt
Die Regel dahinter ist knallhart: Dein Spielwert muss am Ende mindestens so hoch sein wie dein höchstes Gebot beim Reizen. Schaffst du das nicht, bist du verreizt und hast das Spiel verloren, und zwar unabhängig davon, wie viele Augen du zusammengekratzt hast. Du kannst mit 95 Augen glänzen und trotzdem verlieren.
So passiert es: Du gehst von Pik mit zwei Spitzen aus und reizt im Eifer bis 36. Dann nimmst du den Skat, und statt eines dritten Buben liegen zwei Luschen drin. Du bleibst bei zwei Spitzen, gewinnst zwar die Augen, aber dein Spielwert ist nur (2 + 1) × 11 = 33. Und 33 ist kleiner als 36. Damit ist das Spiel verloren, obwohl du am Tisch der stärkere warst.
Für die Liste wird der Grundwert in so einem Fall rechnerisch so oft genommen, bis das Gebot erreicht ist, und dieser Wert geht dir doppelt als Minus ab. Verreizen ist deshalb der teuerste Anfängerfehler überhaupt, und er hat seinen Ursprung fast immer in der Verwechslung von Reizwert und Spielwert: Es wird so hoch gereizt, wie man es sich “wünscht”, nicht so hoch, wie das Blatt es sicher hergibt. Mehr dazu steht im Beitrag Überreizen beim Skat.
Beim Grand sieht man das Gefälle besonders deutlich
Weil der Grand mit 24 den höchsten Grundwert hat, fallen beim Grand schon kleine Fehleinschätzungen stark ins Gewicht. Nimm an, du hältst den Kreuz-Buben, und der ist deine einzige Spitze, der Pik-Bube fehlt dir, du spielst also Grand “mit einer Spitze”. Dein geplanter Reizwert für ein schlichtes Spiel ist (1 + 1) × 24 = 48. Bis dahin darfst du reizen.
Jetzt kommt der Skat, und darin liegt der Pik-Bube. Plötzlich spielst du “mit zwei”, und wenn du dann auch noch gewinnst, ist dein Spielwert (2 + 1) × 24 = 72, also deutlich mehr als die 48, die du versprochen hattest. Das ist die schöne Seite des Gefälles zwischen Reizwert und Spielwert. Es geht aber genauso in die andere Richtung: Hättest du auf diese zweite Spitze hin schon bis 70 gereizt und läge der Pik-Bube doch bei einem Gegner, wärst du mit 48 Spielwert hoffnungslos verreizt. Beim Grand reize ich deshalb besonders diszipliniert.
Beim Nullspiel gilt keine Formel
Eine Ausnahme musst du dir merken, sonst rechnest du dich im Kreis. Beim Null gibt es keine Spitzen und keine Grundwertformel. Die vier Nullspiele haben feste Werte: Null 23, Null Hand 35, Null Ouvert 46, Null Ouvert Hand 59. Diese Zahl ist zugleich Reizwert und Spielwert. Du reizt bis dahin, und genau so viel gewinnst oder verlierst du. Die Details stehen in Null, Null Hand, Null Ouvert.
Was ich vor dem Reizen im Kopf durchgehe
Am Tisch trenne ich die beiden Fragen bewusst. Die erste lautet: Was ist mein Blatt sicher wert? Das ist mein Reizwert, und bei dieser Zahl bin ich lieber eine Stufe zu vorsichtig als eine zu mutig. Die zweite Frage kommt erst nach dem Skataufnehmen: Was ist mein Spiel jetzt tatsächlich wert? Erst dann weiß ich, ob ich mit Schneider planen kann oder froh sein muss, überhaupt über mein Gebot zu kommen.
Zwei Faustregeln haben mir über die Jahre das meiste Geld gespart. Erstens: Reize nie auf einen Buben, den du erst im Skat zu finden hoffst. Zweitens: Wenn du zwischen zwei Reizstufen schwankst, nimm die kleinere. Ein nicht gereiztes, aber sicher gewonnenes Spiel bringt dir ruhig deine Punkte. Ein überreiztes, hauchdünn verlorenes Spiel kostet dich doppelt und obendrein die gute Laune. Wer den Unterschied zwischen Reizwert und Spielwert einmal verinnerlicht hat, verreizt sich kaum noch, und das ist für mich der halbe Weg zu einem soliden Skatspiel.
Titelbild: „French-suited Skat pack“ von Bermicourt, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.